Offenheit und Dichte
Openness and Density
Das Bild muss offen genug sein, um nichts vorzuschreiben — und dicht genug, damit Erfahrung andocken kann.
Ein abstraktes Bild muss für mich zwei Bedingungen gleichzeitig erfüllen. Es muss offen genug sein, damit der Betrachter ihm keine Deutung schuldet – und dicht genug, damit seine Erfahrung darin etwas findet, an dem sie ansetzen kann.
Das klingt einfacher als es ist. Ein zu offenes Bild lässt den Betrachter draußen. Es bietet ihm nichts an, er gleitet ab. Ein zu dichtes Bild zieht ihn in eine bestimmte Lesart und schließt damit alle anderen aus – es ist nicht mehr Bild, sondern Argument.
Die Balance zwischen beiden ist das, woran ich im Atelier am längsten arbeite. Sie lässt sich nicht ausrechnen. Ich erkenne sie daran, dass ich vor dem Bild länger stehenbleibe, als ich vorhatte, und dabei nicht weiß, warum. Wenn ich es weiß, ist das Bild zu eng. Wenn ich nichts erfahre, zu weit. Auch beschäftigen mich solche Bilder außerhalb des Ateliers.
Diese Balance ist auch das Kriterium, an dem ich entscheide, wann ein Bild stehenbleibt. Nicht der formale Zustand, nicht die Komposition, nicht das Material – sondern der Punkt, an dem Offenheit und Dichte einander halten, ohne dass eine die andere überwiegt.
For me, an abstract painting must fulfil two conditions at the same time. It must be open enough that the viewer owes it no interpretation — and dense enough that the viewer's experience can find something to engage with.
That sounds simpler than it is. A painting too open leaves the viewer outside. It offers nothing; the eye slides off. A painting too dense pulls the viewer into a particular reading and closes off all others — it is no longer a painting but an argument.
The balance between the two is what I work on longest in the studio. It cannot be calculated. I recognise it when I stay in front of the painting longer than I intended, without knowing why. If I know why, the painting is too narrow. If I experience nothing, it is too wide. Such paintings also occupy me outside the studio.
This balance is also the criterion by which I decide when a painting stays as it is. Not formal state, not composition, not material — but the point at which openness and density hold each other, without one outweighing the other.