Die Frage nach dem Sehen
The Question of Seeing
Was der Betrachter sieht, ist nicht ein Motiv, sondern eine Spur von Wahrnehmung — und sein eigenes Sehen beginnt mitzuarbeiten.
Ist ein abstraktes Bild fertig, lässt sich die Geschichte seiner Entstehung nicht mehr rekonstruieren. Welche Schicht zuerst lag, welche Spur die Rakel hinterlassen und welche das Messer freigelegt hat – das verschwindet im Endzustand. Was bleibt, ist eine Oberfläche, die diese Geschichte trägt, ohne sie zu erzählen.
Für den Betrachter heißt das: Er sieht nicht was dargestellt wurde – es ist nichts dargestellt. Er sieht, dass hier ein Sehen stattgefunden hat. Ein Bild, das aus vielen Entscheidungen entstanden ist, von denen jede einzelne darauf abzielte, einen bestimmten Zustand stehenzulassen oder zu tilgen.
Was er vor sich hat, ist nicht ein Motiv, sondern eine Spur von Wahrnehmung. Und in dem Moment, in dem er das erkennt, beginnt sein eigenes Sehen mitzuarbeiten. Er rekonstruiert nicht meinen Prozess – das geht nicht. Aber er macht einen eigenen, parallelen. Er sieht das Bild — und nimmt zugleich sein eigenes Sehen wahr.
Das ist der Punkt, an dem das Bild aufhört, Gegenstand zu sein, und Erfahrung wird. Nicht meine – seine.
When an abstract painting is finished, the history of its making can no longer be reconstructed. Which layer came first, which trace was left by the squeegee and which exposed by the knife — all this disappears into the final state. What remains is a surface that carries this history without telling it.
For the viewer this means: they do not see *what* has been depicted — nothing has been depicted. They see *that* a seeing has taken place. A painting that emerged from many decisions, each of them aimed at letting a particular state stand or at erasing it.
What stands in front of them is not a motif but a trace of perception. And in the moment they recognise this, their own seeing begins to take part. They do not reconstruct my process — that is not possible. But they make their own, parallel one. They see the painting — and at the same time become aware of their own seeing.
That is the point at which the painting stops being object and becomes experience. Not mine — theirs.