Thoughts · 15. Januar 2025
Das Bild weiß vor mir
Es gibt eine Reihenfolge, die ich lange nicht benennen konnte. Im Atelier entsteht das Bild nicht aus einer Idee. Es entsteht aus Material, Geste, Widerstand. Die Sprache kommt danach. Sie kommt an das Bild, nicht vor ihm.
Das klingt trivial, ist es aber nicht. Ein erheblicher Teil der zeitgenössischen Kunst beginnt mit dem Konzept und endet mit seiner Illustration. Das führt häufig zu einer Art Müdigkeit: man sieht nicht mehr ein Bild, sondern ein Argument.
Meine eigene Praxis verläuft umgekehrt. Das Bild weiß vor mir, was es sein will. Ich begleite es. Ich greife ein, wo es verlangt wird; ich halte mich zurück, wo das Bild mich nicht braucht. Die Texte, die ich hier versammle, entstehen später. Sie sind keine Anweisung an die Malerei, sondern ein Nachdenken an ihr entlang.
Diese Reihenfolge – Malerei, dann Sprache – ist für mich ein Kern der Arbeit. Sie hat Folgen: für die Art, wie ich Werkgruppen schneide, wie ich Ausstellungen denke, wie ich über den Zufall spreche. Ich komme darauf zurück.